Das erste Photo der Welt
Die Geschichte der Wiederentdeckung
Im Schatten Von Daguerre
Obgleich Nièpce das erste Foto der Welt geschaffen hatte und letztlich auch die Grundlagen fand, die später Daguerre erst seine Erfindung, die Daguerrotypie möglich machten, geriet er selbst und sein bedeutender Anteil an der Erfindung der Fotografie in Vergessenheit. Das lag zum einen daran, dass Daguerre, der ein ausgezeichneter Geschäftsmann war und sich daher als alleiniger Erfinder der Fotografie ins rechte Licht zu setzen wusste, und zum anderen auch daran, dass in der Folgezeit zwar auch die Daguerrotypie von verbesserten Techniken abgelöst wurde, aber andererseits Silber als lichtempfindliches Agens bestimmend blieb. Die Lichtempfindlichkeit von Judäapech und anderen Harzen hatte sich im Vergleich dazu als technische Sackgasse erwiesen.
Helmut Gernsheim macht sich auf die Suche nach dem ersten Photo der Welt
Bis weit ins 20.Jahrhundert war die Geschichte der Fotografie und das Sammeln von Artefakten aus der Frühzeit der Technik noch nicht ins allgemeine Bewusstsein getreten. Helmut Gernsheim war als Fotograf, Fotografiehistoriker und Sammler ein Pionier auf diesem Gebiet. Besonders in den fünfziger und sechziger Jahren trug er eine bedeutende Fotosammlung zusammen, die er 1963 der University of Texas übergab zusammen mit dem ersten erhaltenen Foto der Welt von Nièpce und einer von ihm verfassten handschriftlichen Abhandlung über die Heliografie.
Das Erbe von Francis BAuer
Im Jahre 1947 hatte Gernsheim zusammen mit seiner Frau Alison damit begonnen, systematisch nach dem Verbleib des Besitzes von Francis Bauer zu suchen, von dem er wusste, dass er einige Heliographien und auch das erste erhaltene Foto der Welt bei Nièpce‘ Besuch1827 in England erhalten hatte, mit der Absicht, das Verfahren dort bekannt zu machen.
Nach dem Tod von Francis Bauer in Kew 1840 wurde sein Besitz im Jahre 1841 veräußert. Alle Nièpce betreffenden Gegenstände wurden von seinem Botanikerkollegen Dr. Robert Brown erworben. Nach dessen Tod im Jahre 1858 kaufte sein Assistent John J. Barnett diese Materialien aus dem Nachlass auf.
Nach Barnetts Tod im April 1884 wurde sein Nachlass auf einer Auktion versteigert. Seine beiden Freunde und Kollegen Henry Peach Robinson, der Herausgeber der Photographic News und Henry Baden Pritchard kauften den Nièpce betreffenden Teil des Nachlasses. Auf diese Weise kam es zu einer Teilung der ehemals Bauer gehörenden Gegenstände. Robinson kam in den Besitz der Heliographien, die nicht in der Kamera erzeugt worden waren und in den einer Kopie des Kardinals von d‘Amboise. Den historisch bedeutenderen Teil des Nachlasses erhielt Pritchard. Dazu gehörten das erste Foto der Welt mit dem Blick aus dem Fenster von Le Gras, eine weitere Kopie des Kardinals von d‘Amboise sowie das Originalmanuskript von Nièpce über die Heliografie. Pritchard konnte sich an seinem Kauf aber nicht mehr freuen. Nur zwei Monate später verstarb er am 11. Mai unerwartet an einer Lungenentzündung.
1885 fand in London die Weltausstellung statt. Für die Sektion Fotografie lieh man sich von Pritchards Familie die Exponate von Nièpce aus. Acht Jahre später wurden diese erneut von der Familie für die Internationale Ausstellung der Royal Photographic Society im Glaspalast in Sydenham ausgeliehen. Zusammen mit den Exponaten aus dem Besitz von Robinson waren sie in der historischen Sektion der Ausstellung letztmals 1898 in der Öffentlichkeit zu sehen.
1901 ging das Erbe von Henry Peach Robinson auf seinen Sohn Ralph Waldo Robinson über. 1924 übergab er das gesamte Material an die Royal Photographic Society.
Ein KOffer auf dem Dachboden
Nach dem Tod von Pritchards Witwe 1917 gelangte das Nièpce betreffenden Erbe zusammen mit anderen Erbstücken in einen alten Koffer und geriet auf einem Dachboden in London in Vergessenheit.
1947 begann Gernsheim mit der systematischen Suche nach dem ehemaligen Erbe von Bauer. Nicht zuletzt aus den Katalogen der Weltausstellung und denen der Internationalen Ausstellung der Royal Photographic Society war die Existenz der ersten Fotografie von Nièpce bekannt. Allerdings gelang es Gernsheim nicht dieses aufzuspüren oder auch nur etwas über ihren weiteren Verbleib zu erfahren. Daher wandte er sich 1950 an die Öffentlichkeit. In der Zeitung „The Observer“ veröffentlichte er einen Artikel, in dem er um Hilfe bei der Aufklärung bat, in welche Hände Bauers Erbe und damit auch das wichtige Foto geraten waren. Obgleich damals gleich vier bedeutende Tageszeitungen um die Gunst der Leser buhlten, las Pritchards Sohn zufällig diesen Zeitungsartikel. So konnte er Gernsheim mitteilen, dass sich das gesuchte Foto tatsächlich im Familienbesitz befunden hatte. Nach dem Ende der Ausstellung von 1898 war es jedoch seiner Erinnerung nach verloren gegangen.
Darauf hin publizierte Gernsheim im July 1950 einen Artikel in „The Photographic Journal“, der ausführlich erzählte, unter welchen Umständen die Heliografien und Nièpce Foto von Les Gras nach England gekommen waren. Auch er ging zu diesem Zeitpunkt davon aus, dass das Foto von Le Gras für immer verloren sei.
Ein sensationeller Fund
Im Jahre 1952 verstarb Pritchards Sohn, der Gernsheim zwei Jahre zuvor vom Verlust der Fotografie unterrichtet hatte. Da entdeckte seine Witwe zufällig auf dem Dachboden den längst vergessenen Koffer. Sie informierte Gernsheim über ihren Fund und lud ihn zu sich nach Hause ein, um sich die Sachen selber anzusehen. Allerdings war sie der Meinung, gar nichts so wertvolles gefunden zu haben. Das so berühmte Foto in seinem originalen goldenen Rahmen sah bei flüchtiger Betrachtung wie ein grauer, trüber Spiegel aus. Am 14. Februar konnte Gernsheim bei einem Besuch bei der Witwe das erste Mal den Inhalt des vergessenen Koffers selber begutachten. Das Ergebnis dieses Besuches war eine Sensation. Nachdem er den unscheinbaren „Spiegel“ im Lichtschein des hellen Fensters hin- und hergewendet hatte, zeigt sich auf einmal das Bild aus dem Fenster von Le Gras. Pritchards Witwe schenkte Gernsheim den Inhalt des Koffers, weil sie der Meinung war, dass er das Material besser verwenden und der Öffentlichkeit zugänglich machen könnte. Am 15. April erschien ein Artikel in der „Times“ zusammen mit einer retouchierten Reproduktion des wieder entdeckten berühmten ersten Fotos der Welt. Im September des gleichen Jahres war das Bild das erste Mal mehr als 50 Jahren nach seiner letzten Präsentation auf der Weltausstellung der Fotographie in Luzern wieder in der Öffentlichkeit zu sehen. Gernsheim leitete diese Ausstellung und war besonders stolz gerade auf dieses bedeutendste Exponat.
1963 gelangte das Erbe der Pritchards zusammen mit Gernsheims umfangreicher Fotosammlung als Schenkung in den Besitz der Fotographischen Sammlung des Harry Ransom Center an der Universitiy of Texas in Austin. Dort wird das Bild unter Schutzgas geschützt bis heute aufbewahrt.
Quelle: Wikipedia
Quelle: Wikipedia